Licht zwischen den Bäumen – in Berührung mit dem, was trägt – ein Erkunden von Baum und Boden, von Körper und Atem

In Berührung mit dem, was trägt
Licht zwischen den Bäumen
Berührung bringt uns in Kontakt mit dem, was uns trägt.
Die Begegnung mit einem Baum, der Boden unter den Füssen und die Erkundung des eigenen Körpers führen die Aufmerksamkeit in den gegenwärtigen Augenblick.
Der Atem verbindet dabei Innen und Aussen.
Draussen ankommen
Zu Beginn des Herbstes verändert sich die Natur.
Das Licht fällt flacher durch die Bäume, die Luft wird kühler und auf dem Boden sammeln sich erste trockene Blätter.
Draussen wird Wahrnehmung unmittelbar: sehen, hören, riechen und berühren.
In diesem Moment muss nichts eingeordnet werden.
Ein Geräusch ist nicht störend oder angenehm, eine Oberfläche nicht schön oder unschön.
Zunächst zählt, was tatsächlich wahrnehmbar ist.
Dieses Beobachten ohne vorschnelle Bewertung schafft Raum und lässt uns offener und genauer werden.
Einem Baum begegnen
Ein Baum lädt zu einer solchen Erkundung ein.
Die Hände und Fingerspitzen ertasten seine Rinde. Sie entdecken Vertiefungen und Erhebungen, raue Stellen und glatte Flächen, Kühle oder gespeicherte Wärme.
Die Berührung macht die Struktur unmittelbar erfahrbar.
Der Baum steht fest im Boden. Seine Wurzeln geben Halt und versorgen ihn, der Stamm trägt seine Krone und die Äste breiten sich zum Licht hin aus.
In dieser Gestalt begegnen uns Boden, tragende Struktur und lebendige Verzweigung.
Baum und Atem
Bäume sind auch ganz konkret Teil unseres Atemraums.
In ihren Blättern findet Fotosynthese statt. Mithilfe des Sonnenlichts bilden sie aus Wasser und Kohlendioxid energiereiche Stoffe und geben lebensnotwendigen Sauerstoff an die Umgebung ab.
Diesen Sauerstoff benötigen wir, damit unsere Zellen Energie gewinnen können.
Mit jedem Atemzug sind wir in einen grösseren Kreislauf des Lebens eingebunden.
Auch die Form unserer Atemwege erinnert an einen Baum.
Von der Luftröhre aus teilen sich die Bronchien in immer feinere Verästelungen.
In der Anatomie wird dieses System deshalb Bronchialbaum genannt.
Seine Struktur erinnert zugleich an die Zweige über der Erde und an die Wurzeln, die sich im Boden ausbreiten.
Boden und Sicherheit
Erdung beginnt mit einer einfachen körperlichen Erfahrung: Der Boden ist da.
Die Füsse stehen auf einer tragenden Fläche, das Körpergewicht darf abgegeben werden und der Körper erhält eine klare Rückmeldung über seine Lage im Raum. Dieser Kontakt gibt Boden, Orientierung und Sicherheit.
Wenn die Aufmerksamkeit zu den Füssen, den Sitzbeinhöckern oder einer anderen Auflagefläche sinkt, wird der Körper deutlicher spürbar. Gedanken müssen nicht verschwinden.
Sie erhalten jedoch ein körperliches Gegenüber: Hier bin ich. Hier werde ich getragen.
Mit den Händen erkunden
Von der Begegnung mit dem Baum wenden wir uns dem eigenen Körper zu.
Auch hier treffen die Hände auf verschiedene Strukturen und Schichten. Die Haut bildet die berührbare Oberfläche.
Darunter liegt bewegliches Gewebe, in der Tiefe geben die Knochen Halt und Form.
Die Hände müssen nichts verändern. Sie erkunden, was da ist.
Durch diese aufmerksame Berührung wächst das Empfinden für den eigenen Körper, seine Grenzen und seine tragenden Strukturen.
Der Atem darf dabei frei fliessen.
Wann diese Erfahrung unterstützen kann
An manchen Tagen findet das Leben fast nur im Kopf statt.
Gedanken kreisen, der Körper rückt in den Hintergrund und der Kontakt zum eigenen Boden geht verloren.
Eine bewusste Berührung kann der Aufmerksamkeit dann wieder etwas Konkretes anbieten.
Die Erkundung eignet sich besonders:
- nach einem dichten oder anstrengenden Tag
- wenn innere Unruhe oder Unsicherheit spürbar wird
- beim Übergang von der Arbeit in die freie Zeit
- nach langem Sitzen oder vielen Stunden am Bildschirm
- wenn es schwerfällt, zur Ruhe zu kommen
Die Situation muss dadurch nicht sofort anders werden.
Füsse, Hände, Knochen und Atem geben Orientierung: Ich bin hier.
Der Boden trägt mich. Mein Körper ist da.
Eine Übung für neugierige Hände
Nimm dir einen ruhigen Moment und erkunde mit neugierigen Fingerspitzen und der Handfläche bewusst einen Unterarm.
Lass dir Zeit für jede Schicht, ohne etwas erreichen zu wollen.
- Wie fühlt sich die Haut an?
- Wie beweglich oder verschiebbar ist das Gewebe darunter?
- Kannst du den Knochen unter dem Gewebe spüren?
Während der Erkundung darf der Atem frei weiterfliessen. Spüre nach:
- Wie fühlt sich der erkundete Bereich jetzt an?
- Wie ist es dir dabei ergangen?
- Was hast du entdeckt?
Diese Übung lässt sich an jeder Extremität durchführen: an Händen und Armen, an Füssen und Beinen.
Jede Region bietet andere Oberflächen, Gewebeschichten und knöcherne Strukturen zum Erkunden.
Zur eigenen Mitte finden
Berühren, wahrnehmen und nachspüren führen die Aufmerksamkeit von aussen nach innen.
Der Boden trägt, die Knochen geben Struktur und der Atem bewegt den Körper von innen.
So entsteht Kontakt mit dem, was uns Halt gibt.
Ein Baum kann uns daran erinnern: Stabilität und Lebendigkeit gehören zusammen.
Gut verwurzelt richtet er sich auf, verzweigt sich und bleibt im Austausch mit seiner Umgebung.
Auch wir finden leichter zur eigenen Mitte, wenn wir unseren Boden, unsere tragenden Strukturen und den frei fliessenden Atem wahrnehmen.
Neueste Beiträge
- In Berührung mit dem, was trägt 24. September 2026
- Der Garten lehrt Geduld 23. August 2026
- Geduld – Vertrauen – und die Kunst des Wartens 29. Juli 2026

