Bei einem Besuch in Weimar durfte ich durch Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm spazieren. Mich beeindruckte vor allem die Schlichtheit dieses Hauses –

Der Garten lehrt Geduld
kein Prunk und nichts Überladenes.
Dafür erkannte ich Liebe zum Detail und Raum für das Wesentliche.
Auch der Garten rund um das Haus wirkte nicht wie etwas, das zu einem bestimmten Zeitpunkt fertiggestellt worden war.
Er erzählte von einem natürlichen Ablauf: von Pflanzen, die wachsen und blühen, von anderen, die sich zurückziehen, und von Bereichen, in denen sich neues Wachstum erst vorbereitet.
An der weißen Hauswand stehen Rankgerüste.
Sie geben eine Richtung vor und bieten den Pflanzen Halt.
Einige haben bereits ihren Weg daran gefunden. Andere Stellen sind noch leer.
Ein Garten ist niemals wirklich fertig.
Wer etwas sät oder pflanzt, hat eine Vorstellung und ein Ziel, aber das genaue Ergebnis kennt man nicht und man kann es nicht ganz genau vorhersagen.
Es braucht Mut, um dennoch zu beginnen.
Wir bereiten den Boden vor, setzen einen Samen oder eine junge Pflanze hinein und sorgen für möglichst gute Bedingungen.
Doch ob, wann und auf welche Weise sich das Gesäte entwickelt, können wir nicht bestimmen.
Wir können Wachstum begleiten. Machen können wir es nicht.
Auch in meinem kleinen „Elfengarten“ auf dem Balkon begegnet mir diese Erfahrung immer wieder.
Eine wilde Möhre ist mit mir umgezogen. Die robuste Pflanze hat trockene Zeiten überstanden, hat einen rigorosen Rückschnitt erlebt und wächst nun weiter.
Sie wächst nicht nach einem Plan und nicht unbeeindruckt von den Bedingungen, die ihr begegnet sind,
aber in ihrem eigenen Rhythmus.
Daneben beginnt gerade ein Avocadokern auszutreiben.
Als ich ihn eingesetzt habe, hatte ich ein Ziel.
Ich hoffte, dass sich Wurzeln bilden und irgendwann ein erster Trieb sichtbar werden würde.
Ob und wann das geschehen würde, wusste ich nicht.
Nun zeigt sich neues Wachstum.
Im Garten denken wir deshalb selten in kurzen Zeitintervallen.
Wir denken in Wochen, Monaten und Jahreszeiten.
Wir wissen, dass auf eine Wachstumsphase eine Ruhephase folgen kann.
Wir akzeptieren, dass eine Pflanze nicht jeden Tag eine sichtbare Veränderung zeigt.
Und wir erkennen an, dass auch in Zeiten, in denen scheinbar nichts geschieht, Entwicklung möglich ist.
Der Atem kennt ebenfalls seinen eigenen Rhythmus.
Er kommt, er geht und er macht Pause.
Kein Teil dieses Ablaufs muss beschleunigt oder übersprungen werden.
Jeder Atemzug entsteht neu und antwortet auf den gegenwärtigen Moment.
Ähnlich verläuft Entwicklung in der Atemtherapie nicht geradlinig.
Menschen kommen mit einem Anliegen oder einem Ziel.
Vielleicht möchten sie freier atmen, zur Ruhe kommen, sich wieder deutlicher wahrnehmen oder in belastenden Situationen mehr Handlungsmöglichkeiten entwickeln.
Dieses Ziel gibt eine Richtung. Wie der Weg dorthin aussehen wird, ist zu Beginn jedoch noch nicht bekannt.
In einer Atemtherapie-Sitzung machen wir dem Körper aufgrund der Vorgeschichte ein Angebot.
Wir arbeiten beispielsweise mit einer Bewegung, einer Berührung oder einem Laut.
Anschließend nehmen wir wahr, wie Körper und Atem darauf antworten.
Es kann sein, dass eine Veränderung unmittelbar spürbar wird.
Der Kontakt zum Bode wird sicherer, die Atembewegung breitet sich in einem anderen Raum aus oder die Stimmung verändert sich.
Andere Entwicklungen zeigen sich erst über mehrere Sitzungen.
Eine vertraute Übung kann allmählich selbstverständlicher werden.
Eine körperliche Reaktion wird früher erkannt.
Ein Mensch nimmt seine Grenzen deutlicher wahr oder entdeckt eine neue Möglichkeit, mit einer belastenden Situation umzugehen.
Solche Veränderungen sind nicht immer spektakulär.
Wie ein neuer Trieb im Garten können sie zunächst klein und unscheinbar sein.
Erst wenn wir bewusst wahrnehmen und anerkennen, was sich bereits entwickelt hat, werden die Veränderungen für uns sichtbar.
Geduld bedeutet dabei nicht, untätig zu bleiben.
Wir säen – wir beginnen – wir begleiten das Wachstum und sorgen für gute Bedingungen.
Gleichzeitig erkennen wir an, dass Entwicklung ihren eigenen Rhythmus hat.
Würden wir auch mit uns selbst freundlicher umgehen, wenn wir unsere Entwicklung nicht nur in Tagen oder einzelnen Erfolgen messen würden?
Wir dürfen uns Wachstumsphasen zugestehen und Zeiten der Ruhe.
Goethe hat diesen Gedanken in seinem Gedicht „Hoffnung“ in wenige Zeilen gefasst:
Hoffnung
Schaff, das Tagwerk meiner Hände,
Hohes Glück, dass ich’s vollende!
Lass, o lass mich nicht ermatten!
Nein, es sind nicht leere Träume:
Jetzt nur Stangen diese Bäume
Geben einst noch Frucht und Schatten.
Johann Wolfgang von Goethe
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