Wir leben in einer Zeit, in der vieles möglichst schnell gehen soll.
Antworten kommen in Sekunden, Pakete am nächsten Tag und Fortschritte am liebsten sofort. Der Atem kenn diese Eile nicht.

Geduld – Vertrauen – und die Kunst des Wartens
Den Atem geschehen lassen
Professorin Ilse Middendorf (1910–2009), Begründerin des Erfahrbaren Atems, sagte:
„Wir lassen unseren Atem kommen, wir lassen ihn gehen und warten, bis er von selbst wiederkommt.»
Dann haben wir etwas gelernt: das Warten.
Dieser Satz begleitet mich bis heute. Ich wiederhole ihn immer wieder in meinen Atemtherapiesitzungen.
Nicht, weil man ihn sich merken soll, sondern weil wir so leicht anfangen, etwas machen zu wollen.
Wir möchten den Atem vertiefen, beruhigen oder verbessern.
Der Satz erinnert uns immer wieder daran, den Atem kommen und gehen zu lassen – ohne ihn zu verändern.
Im Erfahrbaren Atem warten wir nicht, weil uns nichts anderes übrig bleibt.
Wir warten, ohne etwas zu konstruieren. Wir beeinflussen den Atem nicht.
Wir lassen ihn kommen.
Wir lassen ihn gehen.
Und wir warten, bis er von selbst wiederkommt.
In dieser kleinen Atempause geschieht etwas Besonderes.
Sie erinnert uns daran, dass nicht alles unser Eingreifen braucht.
Manche Prozesse brauchen unsere Aufmerksamkeit – aber nicht unser Eingreifen.
Ilse Middendorf weist auf die große Bedeutung des Wortes „lassen“ hin.
Im Lassen liegt das Zulassen.
Und auch die Gelassenheit trägt dieses Lassen in sich.
Vertrauen wächst im Warten
Dieses Vertrauen begegnet uns auch außerhalb des Atems.
Ein Puzzle entsteht Teil für Teil. Manchmal scheint es gar nicht weiterzugehen.
Man sucht lange nach dem nächsten passenden Teil. Und dann fügt sich plötzlich wieder etwas zusammen.
Eine Pflanze wächst nicht schneller, wenn wir täglich nachsehen, ob schon ein neues Blatt da ist.
Eine Ausbildung, das Erlernen einer neue Fähigkeit, das Gesundwerden oder eine Veränderung im Leben
entwickeln sich Schritt für Schritt. Sie brauchen Zeit.
Und sie brauchen Vertrauen.
Dem Atem Zeit geben – und uns selbst
Am Leitseil des Atems üben wir dieses Vertrauen ganz konkret.
Mit jeder Atemübung und jeder Atembehandlung machen wir dem Körper ein Angebot.
Dann schenken wir der Wirkung einen Augenblick.
Nicht, um etwas zu erzwingen, sondern damit sich die mögliche Veränderung zeigen kann.
Erst dann spüren wir nach:
- Wie geht es mir jetzt?
- Wo nehme ich meine Atembewegung wahr?
- Hat sich meine Stimmung verändert?
- Stehe ich anders auf meinen Füßen?
Durch dieses Nachspüren wird Veränderung wahrnehmbar, erlebbar und begreifbar.
Nicht, weil wir sie herstellen, sondern weil wir ihr Raum geben.
Professorin Ilse Middendorf schreibt:
„Deshalb ist Geduld der Schlüssel zum Verständnis und zur eigenen Erfahrung.“
Das ist die Einladung nach dem «Erfahrbaren Atem» nach Ilse Middendorf:
Wir müssen Entwicklung nicht herstellen, wir dürfen ihr Raum geben.
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